Abenteuer kritischen Denkens und Gestaltens

Ulfrid Kleinert hat 1991 die Evangelische Hochschule in Dresden gegründet und sich für Resozialisierung von Strafgefangenen engagiert. Nun, mit 84 Jahren, kehrt der Sozialwissenschaftler und Theologe zurück nach Hamburg. DNN-Autor Tomas Gärtner traf ihn zum Interview.
Herr Professor Kleinert, 1991 sind Sie von Hamburg nach Dresden gekommen, wo Sie 1941 geboren wurden. Was hat Sie damals dazu bewogen?
Ulfrid Kleinert: Ich hatte nach meinen jahrelangen DDR-Erfahrungen und meiner fachlichen Qualifikation große Lust zu der neuen Aufgabe zusammen mit den Menschen, die ich immer gern besucht habe.
Nach 34 Jahren in Radebeul und Dresden ziehen Sie Anfang 2026 zurück nach Hamburg. Warum?
Kleinert: Meine Kinder und Enkel haben meine Frau und mich wieder dorthin gezogen und eine Wohnung besorgt. Hinzu kommt unser Alter. Aber eine Rolle spielte auch, dass wir beide uns in Ostdeutschland zwar sehr wertgeschätzt fühlten, aber nie ganz zu Hause waren.
1972 bis 1977 waren Sie Gründungsprorektor der Evangelischen Hochschule für Sozialarbeit im „Rauhen Haus“ in Hamburg. Was kann eine konfessionelle Hochschule, was staatliche nicht können?
Kleinert: Eine für alle Interessenten offene, aber dabei selbst dem Evangelium verpflichtete Hochschule hat historisch gewachsene Wurzeln, die zu einer dem guten und sozialen Leben verpflichteten Haltung und Wissenschaft verpflichten.
1991 haben Sie die Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden, heute Evangelische Hochschule Dresden (EHS), gegründet. Warum hielten Sie eine solche Einrichtung für notwendig in Sachsen?
Kleinert: Schon in der DDR hat Kirche zu diakonisch-menschenfreundlicher und politisch mutiger Haltung beigetragen. Diese Tradition sollte nicht verloren gehen – und nun auch auf der Universitätsebene Gestaltgewinnen. Ich wusste, welche Qualität hier schlummert bei jungen Menschen, die Neugier aufs Leben und mitmenschliche Haltung verbindet.
Bis 2000 waren sie Rektor der EHS, bis 2006 haben Sie dort gelehrt, Diakonie, Religions- und Sozialgeschichte. Was wollten Sie ihren Studentinnen und Studenten vor allem mitgeben?
Kleinert: Ich wollte mit ihnen gemeinsam das Abenteuer kritischen Denkens und Gestaltens erleben – und sie an meinen Erfahrungen teilhaben lassen wie ich an ihren.
Was hat die EHS auf dem Gebiet der Sozialarbeit für Sachsen bewirkt?
Kleinert: Sie hat für eine Qualifizierung und Professionalisierung der Sozialarbeit gesorgt und viele hundert Fachkräfte erst nur in Sozialarbeit, später auch im Bereich der Pflege, der Kindertagesstätten und schließlich der Religionspädagogik und Gemeindediakonie aus- und weitergebildet.
Die EHS und die Hochschule in Moritzburg haben sich 2020zusammengeschlossen. Seither ist Moritzburg ein Campus der EHS. Wie bewerten Sie diesen Schritt?
Kleinert: Einen solchen Zusammenschluss habe ich zu beider Nutzen von Anfang an gewünscht und mich sehr darüber gefreut, dass er fast drei Jahrzehnte später endlich vollzogen wurde.
Sehen Sie die EHS für die Zukunft gerüstet?
Kleinert: Ja. Allerdings ist es bei einer immer größer gewordenen Institution zusehends schwerer, einen konstruktiven gemeinsamen Geist zupflegen und zu bewahren. Mit dem zurzeit weiblich besetzten Rektorat ist die Leitung in guten Händen.
Schon im Anstaltsbeirat für die Justizvollzugsanstalt (JVA)Hamburg-Fuhlsbüttel haben sie sich für Strafgefangene engagiert. Für die JVA Dresden haben sie den Verein HAMMER WEG gegründet, der unter anderem die Gefangenenzeitschrift „Der Riegel“ herausgibt. Was wollten Sie damit erreichen?
Kleinert: Mir war immer wichtig, dass Menschen, die unsere demokratisch verabschiedeten Gesetze verletzen, nicht in Gefängnissen von tatsächlich oder scheinbar unbescholtenen Bürgern allein gelassen werden. Menschen, die unser geltendes Recht verletzen, brauchen die Chance, in Freiheitunsere Mitbürger wieder zu werden, zu sein und zu bleiben.
Was haben Sie in der JVA Dresden an Veränderungen durchsetzen können?
Kleinert: Einmal pro Woche hat der Verein HAMMER WEG auf der Station der erstmals inhaftierten Gefangenen das „Leuchtturm“-Projekt durchgeführt. Es sollte den Gefangenen zur ersten Orientierung im Knast dienen. Dank der Zusammenarbeit von Gefangenen und Ehrenamtlichen gibt es seit 25Jahren den „Riegel“, die unzensierte Dresdner Gefangenenzeitung. Es gibt die jährlichen „Sportfeste“ im Sommer, die Gefangene zusammen mit Ehrenamtlichen und Sportbediensteten auf dem Gelände der JVA durchführen. Durch unsere Fachtagungen ist die sächsische Strafvollzugsgesetzgebung mit beeinflusst worden. Zumindest formell stehen seit 2024 im Gesetz gleichberechtigt nebeneinander die „geschlossenen“, die „offenen“ und die „freien Formen“ des Justizvollzugs.
Was haben Sie in der JVA nicht geschafft, obwohl Sie es für wichtig erachtet hätten?
Kleinert: Ich hätte es begrüßt, wenn der Sächsische Landtag einen Entwurf für ein Resozialisierungsgesetz erarbeitet hätte. In der Realität haben die „freien“ Formen bisher günstigenfalls eine minimale Erprobungsfunktion, ungünstigenfalls sind sie ein Alibi.
Sie haben das System des Strafvollzugs immer kritisch betrachtet. Hat sich da angesichts der Praxis in Sachsen etwas bei Ihnen geändert?
Kleinert: Es könnte sich an meiner kritischen Betrachtung etwas ändern, wenn außer der bereits vollzogenen Gesetzesänderung zugunsten der „freien Formen“ des Justizvollzugs auch die Praxis Schritt für Schrittgrundsätzlich verändert wird.
In Radebeul waren Sie sehr aktiv, haben Vortragsreihen organisiert und den Courage-Preis aus der Taufe gehoben. Haben Sie damit etwas verändern können in der Radebeuler Stadtgesellschaft und darüber hinaus?
Kleinert: Es waren für die Teilnehmer als interessant und bereichernd erlebte Veranstaltungen, aber ohne nachhaltige Wirkung auf die Stadtgesellschaft.
In Länder des Orients haben Sie Bildungsreisen organisiert, Bücher geschrieben. Warum ist der Orient für Menschen hier wichtig?
Kleinert: Unsere Geschichte, Kultur und Religion sind sehr stark vom Orient her geprägt. Von der Mentalität der Menschen dort können wir bis heute lernen. Die gut vor- und nachbereiteten Bildungsreisen haben zwar keine Stadtgesellschaft verändert, aber die mitgereisten Menschen und ihre Beziehungen zueinander mitgeprägt – im Anfang sogar zwischen Ost-und Westdeutschen.
Engagiert haben Sie sich auch für den Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen. Warum ist das für Kirche und Gesellschaft in Dresden wichtig?
Kleinert: Wir verstehen uns selbst durch die Begegnung mit Fremden und Fremdem besser – und finden auch viel, was uns damit verbindet. Kirche kann nur so ökumenisch sein, Gesellschaft wird fremdenfreundlich.
Wenn Sie dann wieder ganz in Hamburg leben, brechen Sie da alle Verbindungen zu Radebeul und Dresden ab?
Kleinert: Nein, ich bleibe den beiden Städten und vielen ihrer Menschenverbunden. Kurz vor meinem 85. Geburtstag werde ich am 24./25. April2026 wieder bei der „Meißner Tagung“ dabei sein und mich für eine stärkere Annäherung von „Justizvollzug und Zivilgesellschaft“ einsetzen- so der Titel der Tagung. Vor allem für „freie Formen“ des Justizvollzugs.