Die Städtepartnerschaft zwischen Dresden und Coventry währt bereits über 50 Jahre und hat nicht nur durch die engagierte Nagelkreuzgemeinschaft viele Formen des Austauschs produziert. Die musikalische Lesung, die am Samstagabend vor mehr als 150 interessierten Zuhörern in der Frauenkirche aufgeführt wurde, darf aber mit Recht als eine der umfassendsten Kooperationen zwischen den Städten bezeichnet werden. Der Dresdner Übersetzer Rainer Barczaitis trat vor einiger Zeit an den aus Coventry stammenden Dichter Antony Owen mit der Idee heran, dessen Texte auf Deutsch herauszubringen und dabei einen Dialog zwischen den Städten wie auch zwischen den Künsten anzuregen.

Antony Owen gehört in die Tradition der „War Poets“, womit in Großbritannien vor allem die Generation junger Männer gemeint ist, die ihre Erfahrungen in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs in traurige Abgesänge auf Heldentum und Imperialismus goss. Antony Owen – mit dem 1918 in Frankreich gefallenen Dichter Wilfred Owen nicht verwandt – tritt allerdings bewusst unter dem Titel des „Peace Poet“ auf, also als Friedensdichter. Seine Texte, die seit 2008 in mehreren Bänden erschienen und u.a. mit dem Versöhnungspreis der Stadt Coventry ausgezeichnet wurden, schlagen große historische Bögen von den Bombardements der Weltkriege hin zum 11. September und Syrien. Sie rufen Traumata in Erinnerung, wollen nicht politisch polemisieren, sondern der namenlosen Toten gedenken und die Geschichten erzählen, die hinter den Kriegswunden stehen, wie Finanzbürgermeister Peter Lames (SPD) in seiner einleitenden Würdigung betonte.

Owen las in der Frauenkirche aus seinem Werk, und auf die Frage, welchen Eindruck der Ort auf ihn macht, gibt er unumwunden zu, dass ihm der Anblick des alten Turmkreuzes, dem man die Spuren des Feuersturms ansehe, näher gehe als der versammelte Prunk. Aus der Asche des Bombardements ist auch das Buch „Phoenix“ erstanden, das nun im Dresdner Thelem-Verlag erschienen ist. Owens Original-Gedichten stehen Übersetzungen gegenüber, die Menschen aus Coventry und Dresden (u.a. Mitglieder der Deutsch-Britischen Gesellschaft Dresden) unter Leitung von Rainer Barczaitis erarbeitet haben. Im Rahmen der von Eric Piltz (VHS Dresden) moderierten Veranstaltung trugen einige der Übersetzer, Pfarrerin Angelika Behnke sowie Gymnasiastinnen die bildintensiven Gedichte im Dialog mit dem Autor vor.

Für musikalische Beiträge sorgte der Neue Chor Dresden e.V. unter Leitung von Axel Langmann mit drei eigens entstandenen Vertonungen von Owen-Gedichten – wuchtig, ohne dabei in bloße Schwermut zu versinken. Zwei Stücke, „Falling Man“ sowie das erschütternd aktuelle „When it snows in Aleppo“, komponierte Chorleiter Langmann selbst, wohingegen „Inferno“ aus der Feder von Helene Scharfe stammt, einer Schülerin der Komponistenklasse Dresden. Wie die Kompositionen auf den Sakralraum eingestellt waren und die Texte respektierten, ohne sie nur sklavisch abzuarbeiten, war große Kunst. Nicht nur die sphärischen Schlussakkorde hallten lange nach, sondern auch die lebensbejahenden Schlussbilder – etwa der Tau in Aleppo, mit dem Owen die Hoffnung verbindet, dass die Kinder in Syrien irgendwann nicht mehr „in blutrot Mutter, Vater malen“, sondern wieder „lächelnde Mondgesichter auf grünem Wachsgras“ zeichnen.

Antony Owen: Phoenix.
Hg. von Rainer Barczaitis.
Thelem Verlag, 156 Seiten, 16,80 Euro